DGS und Dialekte

DGS und Dialekte

di Veronika Sigl -
Numero di risposte: 5

Hallo zusammen,

Auf dem Level A1 in der Welt der Gebärdensprache bin ich ja noch am Anfang der Lernerei. Aber beim Lernen ist mir aufgefallen, dass ich manche Wörter und manche Buchstaben anders gelernt habe. Es wäre natürlich möglich, dass ich es einfach falsch gelernt habe, aber mir fällt der Unterschied eben auch bei unterschiedlichen Gebärdenden auf.

Mein erstes Beispiel bezieht sich gleich auf das Alphabet. Ich habe das Alphabet jetzt von zwei YouTubern, einer App und Manimundo gelernt. Und bei den Buchstaben K, P und Q scheint es signifikante Unterschiede zu geben. 

Im Bild seht ihr in der ersten Zeile Lina Ciupka, dann Cindy Klink und unten Manimundo. Ich weiß nicht genau, wie ihr zu Werbung von anderen Gebärdenlern-Apps steht, daher möchte ich sie nicht nennen, aber in dieser App hieß es, dass man bei einigen Buchstaben (unter anderem K und P) unterscheiden muss, ob man DGS im Süden oder im Norden lernt.

Zu meinen Fragen:

  1. Welchen Dialekt verwenden die Darsteller in euren Videos auf Manimundo? Da ihr euren Sitz ja in Hamburg habt, hätte ich auf Norddeutschland getippt.
  2. Wie krass sind denn die Dialekte in DGS? Ich kann mich daran erinnern, dass es mal eine "Wetten, dass..."-Folge gab, in der ein Kandidat anhand des Dialekts einer Person schon fast die Straße erraten konnte ;-) Hat DGS eine ähnliche Vielfalt? Und wie stark kann man sich diese Dialekte vorstellen?
  3. Gibt es ein reines "Hochdeutsch"-GS? Oder muss man sich quasi für einen norddeutschen oder einen süddeutschen Dialekt entscheiden?

Bei einer anderen App habe ich interessanterweise mit den Farben begonnen und hab mir gedacht, die Lektion mit den Farben kann ich auf die leichte Schulter nehmen. Aber mit leichtem Entsetzen musste ich feststellen, dass Lila so ziemlich die einzige Farbe ist, bei ihr euch für die gleiche Gebärde entschieden habt. Also musste ich nicht nur neues lernen sondern möglichst auch altes Wissen löschen.

Es hat mich ein bisschen daran erinnert, wie es für Obst und Gemüse in Deutschland und Österreich komplett verschiedene Wörter gibt. 

Vielen Dank für alle Antworten im Voraus!

Allegato K P Q.jpg
In riposta a Veronika Sigl

Re: DGS und Dialekte

di Sven Taszies -

こんばんわ Interessant. Ja die Dialekte machen mir auch zu schaffen. Aber die Buchstaben hatte ich bisher für eine Variationsbreite gehalten, genauso wie bei den geschriebenen Buchstaben A p z etc. Mal sehen, was die Fachwelt dazu sagt. 

In riposta a Sven Taszies

Re: DGS und Dialekte

di Veronika Sigl -

Hallo Peter :-)

Ich will nicht wie ein Besserwissen wirken, aber こんばんは schreibt man am Ende mit dem Hiragana は, obwohl man es "wa" ausspricht ;-)

Aber schön, wenn man auf einem deutschen Gebärdensprachforum Leute findet, die Japanisch lernen :-D

LG

In riposta a Veronika Sigl

Re: DGS und Dialekte

di Sven Taszies -



Auch wenn meine Schriftsprachkenntnisse wirklich nicht die besten sind, das  war  nur eine Spitzfindigkeit. Goolge mal nach こんばん こんばん. Einige Leute benutzen eben die (falsche!?) Variante und es gibt sogar Diskussionen dazu.   So viel zum  Thema Varianten.


Es gibt allerdings andere Sachen, bei  denen ich mir hier im gebärdensprachlichen Kontext unglaubliche Fragen stelle:

-Existenzmarker!

-Verschiedene Bedeutungen von Zeichen und ihre Lesungen.

-Nominalverben!

-Wenn man nur Grundformen benutzt,  die  kaum flektiert werden ...

etc.

Wie auch immer, danke  für deine Antwort.

In riposta a Veronika Sigl

Re: DGS und Dialekte

di Jochen Beck -

Hallo Veronika, hallo Sven,

so ist das, wenn man zuerst die Technik nicht beherrscht und neue Diskussionen im Forum gar nicht mitbekommt, und dann anschließend denkt, da schreibe ich mal was, wenn etwas mehr Zeit ist ... Jetzt haben wir Mitte Mai, und ich will wenigstens mal ein Lebenszeichen aus der sogenannten „Fachwelt“ schicken :-)

Zum Japanischen sag ich mal besser nichts. Zur DGS habt Ihr schon einige richtige Aspekte ins Spiel gebracht, vielen Dank! Insbesondere ist es eben so, dass zu den dialektalen Varianten auch noch die individuellen Unterschiede – man könnte sagen, „die Aussprache betreffend“ – hinzukommen, und das macht es gerade für Menschen, die die Sprache neu lernen, noch dazu in einer völlig ungewohnten Modalität, eben sehr schwierig bis unmöglich, einzuordnen, wo im Spannungsfeld zwischen richtig, falsch, Dialekt und „Aussprache“ ein bestimmtes Gebärdenvorkommen einzuordnen ist. Das geht auch älteren Hasen noch manchmal so ;-)

Ich möchte nicht zu tief in die Gebärdensprachphonetik einsteigen. Falls Euch das genauer interessiert, empfehle ich als allgemein anerkanntes Standardwerk die „Grammatik der Deutschen Gebärdensprache“, erschienen im Signum Verlag. Dort könnt Ihr zum Beispiel von Grund auf lernen, wie man anhand der Minimalpaarmethode einordnen kann, ob es sich beim Unterschied zwischen zwei Handformen um einen bedeutungsunterscheidenden Unterschied handelt oder eben nicht. Ein Beispiel: Die Gebärde WARUM lässt sich mit „angelegtem Daumen“ (wie beim Fingeralphabet-Buchstaben A) oder mit „gekreuztem Daumen“ (wie beim Buchstaben S) gebärden, ohne dass durch die Daumenstellung ein Bedeutungsunterschied entsteht. Vergleichbar in der deutschen Lautsprache mit dem gerollten R: Das gesprochene Wort „Gras“ erhält keine andere Bedeutung, wenn es ein Bayer mit gerolltem R aussprrrrricht.

In diese Kategorie würde ich zum Beispiel die drei gezeigten Screenshots des Buchstaben K einordnen.

Etwas anderes sind freilich dialektale Unterschiede, wo es beispielsweise komplett verschiedene Gebärden für die Bedeutungen „Wasser“, „Name“ oder „grün“ gibt. Wir verwenden im Lernprogramm in erster Linie norddeutsche Gebärden, ganz einfach, weil wir in Hamburg sitzen und die meisten unserer Teammitglieder eher hier in der Region gebärdensprachlich sozialisiert sind. Das macht aber einen eher geringen Prozentsatz des Wortschatzes aus; Ihr werdet insbesondere bei Farben, Wochen- und Monatsnamen sowie einigen Alltagsgebärden Unterschiede feststellen, jedoch meistens problemlos mit den „Hamburger Gebärden“ durchkommen, zumal diese ohne recht weit verbreitet sind.

Darüber hinaus verschwinden die starken Abgrenzungen immer mehr, dadurch dass Gebärdensprach-NutzerInnen auch über das Internet immer stärker vernetzt sind und auch innerhalb Deutschlands migrieren. So ist in Berlin eben auch im Gebärdensprachbereich ein Schmelztiegel entstanden, wo verschiedene Dialekte zusammentreffen und man nicht mehr so genau unterscheiden kann, welche Gebärde woher stammt. Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht die Webseite www.meine-dgs.de, die an der Uni Hamburg im Rahmen des dort laufenden Korpus-Projekts entstanden ist.

Eine Hoch-DGS gibt es in diesem Sinne nicht, vielleicht kann man sagen, dass sie im Entstehen ist. Das herauszufinden ist eines der Ziele des Korpus-Projekts. Man kann aber schon entschieden festhalten, dass sich trotz vieler Überschneidungen die DGS von der Deutschschweizer und von der Österreichischen Gebärdensprache stärker unterscheidet als die norddeutschen von den bayerischen Gebärden. Paradeiser gibt es halt nur in Österreich, während wir unsere Tomaten essen. Wieso sollte das in Gebärdensprache anders sein? Aus einem nicht so starken Vorhandensein einer Hoch-DGS zu schließen, dass es gar keine eigenständige DGS gibt, wäre jedenfalls verkehrt!

In diesem Sinne, freuen wir uns an dieser wunderbar lebendigen Sprache, die uns so viele schöne Überraschungen bietet ;-) !


Beste Grüße

Jochen
manimundo Support-Team


In riposta a Jochen Beck

Re: DGS und Dialekte

di Sven Taszies -

Auch alle meine Bekannten aus anderen Ländern haben beim Zuhören mit Dialekten und bei Synonymen ein offensichtlich normales, aber enormes Problem. Ja, unsere Medien haben unser Dialektkontinuum etwas gespalten, gleichzeitig aber auch innerhalb unserer Grenzen wesentlich vereinfacht, warum sollte die Entwicklung bei DGS nicht ähnlich sein und etwas nachhängen.  In diesem Sinne ist vielleicht auch der Begriff „modified accent“ der Nachrichtenspecher interessant, denn er zeigt, was nach der Vereinheitlichung passiert. Früher schickte man die Prinzessinnen ganz selbstverständlich  an den Hof in Flandern.

Distinkive Merkmale und freie Variation in DGS sind mir in DGS noch etwas rätselhaft, aber isch werde der Sache nachgehen.

Vielen, vielen Dank für den Link, da war ich nicht aktuell! 

Das Mobildatenvolumen für die teacher-Videoverbindung war schon ein Problem, aber wegen den Videos auf der empfohlen Seite  ist jetzt ist vielleicht der Punkt gekommen, an dem ich mich irgendwann mal wieder ernsthaft um meinen kaputten Festnetzanschluss kümmern sollte.

Eine Sprache, die wenig Flektionen hat, agluttinierend ist, in Einzahl auch Plural ist, außer wenn es eine Pluralkennzeichnung gibt ..., und in der es Zeichen und Lesungen gibt, ist übrigens einen Blick wert.

Danke für den Tipp mit s und a bei warum, das stand schon lange auf meiner Fragenliste!

Wie auch immer meine Vorstellungen (nicht Kenntnisse) basieren auf einer vor wirklich langer Zeit kommutativ erbrachten Nebenfachzwischenprüfung einer anderen Sprache, aber ich werde der Sache viellicht aus Interesse nachgehen.