Hallo zusammen,
das ist ein sehr guter und wichtiger Themenkomplex, Normen, und die Antwort lautet wie so oft in sprachlichen Fragen: Jein. Und das ist gerade beim Erlernen einer Sprache, wenn man sich darin noch nicht fühlt wie ein Fisch im Wasser, oft unbefriedigend, weil man klare Regeln zur Orientierung braucht, wie Du ja schon völlig richtig angemerkt hast. Leider müssen wir Euch neben klaren Regeln auch schon auf der Anfänger*innen-Stufe die eine oder andere Ausnahme zumuten, inklusive Verweis auf das ominöse Sprachgefühl, das sich ganz sicher irgendwann einstellt. Denn es gibt nun mal in jeder Sprache auch Graubereiche. Das ist am Anfang unbefriedigend und später sehr hilfreich und spannend. Bis dahin: Geduld. Ein paar Regeln. Unsicherheit aushalten. Und üben, üben, üben ;-)
Sven hat die wesentlichen Punkte angesprochen, vielen Dank dafür! Hier nochmal ein paar Anmerkungen von mir:
- eindeutige Regel: PERSON++ (also die mehrfache Ausführung der Gebärde) ist für die Pluralbildung von Personenbezeichnungen unerlässlich, weil die Grundgebärde keine Pluralbildung zulässt. Daher muss FLÜCHTLING oder auch LEHRER, MUTTER usw. immer durch den Pluralmarker PERSON++ ergänzt werden, wenn es sich um mehrere Geflüchtete, Lehrer*innen oder Mütter handelt. Dabei gibt es nochmal einen Unterschied, ob man die Gebärde PERSON++ genau und klar wiederholt, um eine bestimmte Anzahl von Personen anzuzeigen (PERSON+, also Grundgebärde plus eine Wiederholung = zwei Personen), oder ob man die Gebärde so durch eine lockere Auf- und Ab-Bewegung "ausfließen" lässt, dann ist es ein unbestimmter Plural.
- auch eine klare Regel: Grundgebärden, die an sich keine klare Personenbezeichnung beinhalten, müssen durch die Gebärde PERSON ergänzt werden. Die Gebärde TECHNIK an sich bedeutet "Technik". Möchte man aber eine*n Techniker*in bezeichnen, muss sie durch die Gebärde PERSON ergänzt werden. Andere Gebärden wie LEHRER, JOURNALIST oder MODEL sind in sich eindeutig und haben keine andere Bedeutung als die Berufsbezeichnung "Lehrer*in, Journalist*in oder Model", sodass die Gebärde PERSON hier nicht notwendig ist.
- dann wird es schwieriger, denn es gibt viele Grenzfälle wie eben KELLNER, die mal mit und mal ohne die Gebärde PERSON verwendet werden; das hängt in erster Linie vom Kontext und dem Gegenüber ab, wie explizit Dinge zum besseren Verständnis gebärdet werden müssen oder eben aus dem Kontext klar werden. Das würde ich mal als Erklärung für Deinen genannten Fall KELLNER nennen. Hier gibt es nicht so wirklich richtig oder falsch, was vielleicht auch ein wenig zur Entspannung beiträgt ... Es hätte auch mit PERSON gebärdet werden können.
Möchtest Du aber eine ganz konkrete Person einführen, zu der Du Näheres ausführen möchtest, beispielsweise ihr Aussehen beschreiben oder über die Klassenlehrerin Deiner Tochter lästern etc., dann kannst Du diese Person durch die Gebärde PERSON konkret "in den Gebärdenraum stellen" und später mit der Index-Gebärde (Z-Gebärde) immer wieder auf sie verweisen.
Und dann gibt es halt Ausnahmen und Alltagssprache. Sprachgefühl und so.
Ich hoffe, das bringt noch ein wenig Licht ins Dunkel, und kann nur nochmal bekräftigen, dass Deine Fragen, Normen, vollkommen berechtigt und "normal" sind ;-) Was de Saussure angeht, halte ich mich aber raus, sonst wird mein Sermon noch länger, und das möchte ich niemandem zumuten ...
Beste Grüße
Jochen
manimundo Support-Team