Schulbildung gehörloser Kinder

Weil die Unterrichtssprache an Gehörlosenschulen bis vor wenigen Jahren größtenteils Deutsch war, weil der Fokus dabei auf Schriftsprache und Lippenlesen lag, und weil daher der inhaltliche Unterrichtsstoff oft zweitrangig war und auf der Strecke blieb, ergab sich das weit verbreitete Bild in der Gesellschaft, dass gehörlose Menschen „ungebildet“, „minderbegabt“, „behindert“ seien. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass einfach ein sehr fragwürdiger Bildungsansatz gewählt worden war, unter dem die gehörlosen Kinder litten, ohne dass sie eine Wahl hatten. Heute, wo DGS als Unterrichtssprache langsam gang und gäbe wird und sich die Bildungsangebote für gehörlose Kinder immer weiter ausdifferenzieren, vergrößern sich auch Bildungschancen und mögliche Berufswege zusehends: Gehörlose, die Abitur machen und an den Hochschulen ein Studium ihrer Wahl antreten, das ist mittlerweile (fast) ganz selbstverständlich. Auch immer mehr Berufszweige und -ausbildungen stehen gehörlosen Menschen offen. Während sich früher das Spektrum auf wenige Ausbildungsberufe und Hilfsarbeiten beschränkte, können gehörlose Menschen heute fast alle beruflichen Wege gehen, von sozialen Berufen über das Handwerk bis hin zum Medizinstudium. Von Chancengleichheit gegenüber hörenden Menschen kann dennoch noch lange nicht die Rede sein: Die freie Schulwahl ist auch in Zeiten von UN-Behindertenrechtskonvention und Inklusion nicht ohne Weiteres gegeben. Eltern gehörloser Kinder rennen häufig nicht gerade offene Türen ein, wenn ihre Kinder mit Unterstützung von Gebärdensprachdolmetscherinnen an Regelschulen unterrichtet werden sollen (abgesehen davon, dass es wohl immer komisch sein muss, den eigenen Schulalltag mit zwei erwachsenen Dolmetscherinnen im Schlepptau bestreiten zu müssen …). Und Gehörlose in der Berufsbildung, sei es an der Uni oder an der Berufsschule und auch im Ausbildungsbetrieb, müssen viel zusätzliche Bürokratie, Dolmetscher-Organisation und Aufklärungsarbeit bei Lehrkräften, KollegInnen und Vorgesetzten leisten, um den von ihnen gewählten Bildungsweg absolvieren zu können.

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