Das Lippenlesen, auch Ablesen genannt, ist für die meisten gehörlosen Menschen ein zentrales Kommunikationsmittel, auf das sie in ihrem Alltag angewiesen sind. In der Regel können die wenigsten hörenden Menschen in ihrer Umgebung – sei es bei der Arbeit oder in der Familie – gebärden. Und auch Gebärdensprachdolmetscher sind bei weitem nicht immer zur Hand: selbst sensible Termine wie ein Arztbesuch oder ein Elternabend müssen häufig „auf eigene Faust“ bewältigt werden.
Und selbst wenn auf gute Bedingungen für das Lippenlesen geachtet wird, wie gute Lichtverhältnisse, deutliches, aber natürliches Mundbild, Klärung des Gesprächsthemas, stellt es selbst für geübte AbleserInnen eine Herausforderung dar, alle Inhalte zu verstehen. Nur 30% der Buchstaben und Buchstaben-Kombinationen sind im Mundbild eindeutig unterscheidbar, so dass der Großteil des Verständnisses von Erfahrung, Kontext und Kombinationsfähigkeit abhängt. Beispiel: Das Mundbild von „Mutter“ ist identisch mit dem von „Butter“. Ohne Ton sehen also beide Wörter genau gleich aus. Was hier vielleicht noch ein Schmunzeln auslöst, stellt gerade bei schwierigeren Themen oft ein Problem dar. Stell Dir vor, bei einem wichtigen Gespräch mit dem Vorgesetzten oder bei einem Arzttermin wärst Du vor diesem Hintergrund auf das Lippenlesen und den Kooperationswillen Deines Gegenübers angewiesen ...